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Bildbegriff – Lambert Wiesings Sichtbarkeit des Bildes

Bildbegriffe werden innerhalb von Bildtheorien entwickelt. Man kann Bildbegriffe, die alle Arten von Bildern hinsichtlich ihrer Untersuchung einschließen und Bildbegriffe, welche von Bildern innerhalb der bildenden Kunst ausgehen, unterscheiden.
Bildtheorien, welche künstlerische Bilder zu ihrem Hauptgegenstand machen, entstehen in der Kunstwissenschaft, Ästhetik und Kunstphilosophie.
Philosophische Bildtheorien, welche vom Bild im Allgemeinen ausgehen, werden meist innerhalb der Sprachphilosophie (01) entwickelt. Die philosophische Semiotik (02) arbeitet die Charakteristiken aller Bilder im Vergleich mit anderen Zeichenarten heraus. In praktischer und theoretischer Hinsicht gelten Bilder als die bedeutendsten Zeichen nach den sprachlichen Zeichen. (03)
„Der Begriff des Bildes oder der Künstler. Abb. verbreitete sich in der realist. Ästhetik der letzten 250 Jahre.“ (04)
Alle formalen Ästhetiker gingen vom Bild als einem Gegenstand aus, dessen verschiedene Leistungen durch das Überziehen einer Oberfläche mit sichtbaren Formen erbracht werden. Das Thema der formalen Ästhetik sind diese sichtbaren Formen auf der Bildoberfläche.
Der Kunsthistoriker Lambert Wiesing (05) stellt die These eines Paradigmenwechsels in der formalen Ästhetik auf. Demnach wechseln grundsätzlichen Interessen und Erwartungen der formalen Ästhetik, aus denen sie heraus argumentiert, von der Sichtweise zur Sichtbarkeit.
„Das Bild gehört zu den ästhetischen Phänomenen, welche in diesem Jahrhundert (06) eine radikale und schnelle Entwicklung erfahren haben. Sowohl innerhalb als auch außerhalb der bildenden Künste sind neue Bildformen geschaffen worden. Man denke an das abstrakte Bild, welches sich von allen zuvor bekannten Bildern dadurch unterscheidet, dass es überhaupt keinen Gegenstand zeigt oder an das digitale Bild, welches erstmals eine Manipulation des dargestellten Gegenstandes während der Betrachtung erlaubt.“ (07)
Wiesing fragt, ob die formale Betrachtung eines Bildes immer die Betrachtung einer Sichtweise sein muss, zumal durch die Entwicklung des Bildes sich die Bildoberfläche von der Sichtweisendarstellung emanzipiert.
Um die neuen Bildformen des 20. Jahrhunderts verständlich werden zu lassen, entwickelt er die Ästhetik des Philosophen Konrad Fiedler (08) weiter.
Im Sinne der Sichtbarkeit von Objekten kann man nur sehen, was auch vorhanden ist, doch die Sichtbarkeit des Bildes auf einer Oberfläche bildet eine Ausnahme. In einem Bild wird die Sichtbarkeit von der Anwesenheit einer Sache getrennt. Wiesing nennt Bilder aus diesem Grund auch Isolationsvorgänge. Für ihn sind Bilder Entmaterialisierungen, welche einen Gegenstand in reine Sichtbarkeit transformieren.
Die Wirklichkeit wird durch Bilder in einer Art und Weise, die unabhängig von Mitteilungen jeglicher Art ist, erweitert. Die Sichtbarkeit von Bildern ist für Wiesing stets fundamentaler als ihre Lesbarkeit. „Durch Bilder vermittelte Informationen gehen nicht in diesen Informationen auf. Sie haben immer noch einen Aspekt, der nicht durch gleichwertige Zeichen ersetzt werden kann.“ (09) Das Phänomen der reinen Sichtbarkeit kann, nach Wiesing, einzig und allein durch Bilder in die Wirklichkeit des Menschen gelangen.
„Bilder und insbesondere Kunstwerke entstehen aufgrund einer bestimmten Auffassung vom Bild.“ (10) Für Wiesing tritt das Bild in der Kunst und den
neuen Medien des 20. Jahrhundert als anschauliche Reflexion seiner eigenen Grundlage auf, seine Sichtbarkeit. (11)
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(01) Philosophische Bildtheorien werden über verschiedene Zugänge entwickelt, wie etwa die kausale
Theorie, die Gebrauchstheorie des Bildes, die intentionalistische Theorie und die Illusionstheorie des Bildes.
(02) Zeichenlehre
(03) Scholz, O.: Bild, Darstellung, Zeichen. 1991. S.10 ff.
(04) Lexikon der Kunst. Bd. 1. 1987. S. 539.
(05) Wiesing, L..:Die Sichtbarkeit des Bildes. 1997.
(06) Gemeint ist das 20. Jahrhundert.
(07) Wiesing, L.: Die Sichtbarkeit des Bildes. 1997. S.11.
(08) Konrad Fiedler (1841-1895) entwickelt das neukantianische Verständnis vom Bild (das Wölfflin zur Logik der Sichtweise ausarbeitete) maßgeblich mit, versucht es aber auch zu überwinden. Er leitete die Verabsolutierung der Bildoberfläche ein, vollendet sie aber nicht. Hier liegt der Ansatzpunkt Wiesings.
(09) Wiesing,L.: Die Sichtbarkeit des Bildes.1997. S27.
(10) Wiesing, L.:Die Sichtbarkeit des Bildes. 1997. S12.
(11) Vgl. dazu weiter: Groys, B.: Die Erzeugung der Sichtbarkeit. 1995. Groys beschreibt Kunst ihrem Wesen nach als Herstellung von Sichtbarkeit. Die Erzeugung von Sichtbarkeit geschieht über die Produktion von Neuem, als Effekt einer Relation zwischen einem Gegenstand und seinem Hintergrund.




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